Outings elf Schichten des Bürgerjournalismus

Bürgerjournalismus ist, wie Steve Outing in seinem Essay »11 Layers of Citizen Journalism« schreibt, kein simples Konzept, dass von allen Nachrichtenunternehmen angewendet werden könne. 1 Mit seinem Aufsatz will er Nachrichtenunternehmen helfen, Bürgerjournalismus besser zu verstehen und den Einsatz von Bürgerjournalismus an die Bedürfnisse der einzelnen Unternehmen anzupassen. Hier wird ersichtlich, dass er den Fokus auf die Zusammenarbeit von Experten und Amateuren legt.

Als ersten Schritt sieht er das Ermöglichen einer Kommentarfunktion bei Nachrichten-Websites. Sie würde auf einfachem Wege dazu führen, dass Leser die Möglichkeit bekämen zu reagieren, kritisieren, zu loben und etwas zur Berichterstattung der professionellen Journalisten hinzuzufügen.2 Dies ist in einigen Online-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften auch in Deutschland schon üblich. So ermöglichen es zum Beispiel Welt-Online und heise.de ihren Lesern Kommentare zu Artikeln zu schreiben.3 In Kommentaren werden laut Outing oft Sachverhalte hinzugefügt oder Sichtweisen dargelegt, die vom Autor vergessen worden seien:

»Readers routinely use such comments to bring up some point that was missed by the writer, or add new information that the reporter didn’t know about.«4

Die Kommentare erlauben eine beidseitige Diskussion, sind aber schwer zu kontrollieren. Spam und Trolle können die Diskussion stören und es ist aufwendig diese Störungen zu beseitigen. Das hält Nachrichten-Websites davon ab, Kommentare zu erlauben oder Foren einzurichten, da sie für die Inhalte der Seite verantwortlich zeichnen. Eine Lösung, ist die Registrierung der Leser auf der Seite, was aber von vielen Internet-Nutzern wiederum skeptisch betrachtet wird.

Ein zweiter Schritt ist laut Outing der, Bürgerreporter etwas zu einem Artikel beitragen zu lassen. Er nennt sie »The citizen add-on reporter«. Diese Reporter fungieren als Quellen, die für Artikel einer Online-Zeitung oder Zeitschrift benutzt werden. So können Fachleute ihr Wissen zu einem Thema genauso beitragen wie Betroffene eines Raubes, Unfalles oder sonstigen Ereignisses.5 Diese Beiträge können wie bei dem Beispiel BBC und die Terroranschläge 2005 als E-Mail, Foto und Video der Redaktion zugeschickt werden (siehe Kapitel Partizipativer Journalismus). Dieses Vorgehen wird in nächster Zeit wohl häufiger zu beobachten sein, da Mobiltelefone und andere mobile Geräte, Bildmaterial von leidlicher Qualität aufnehmen und dieses Material auch schnell über das Internet an die Redaktion schicken können.

Als dritten Schritt sieht Outing »Open-source reporting« oder auch »participatory« journalism an. Er versteht darunter eine Zusammenarbeit zwischen professionellen Journalisten und den Lesern an einem Artikel. Die Leser werden aufgefordert ihr Fachwissen bereitzustellen, Fragen zu stellen und so die Reporter zu führen oder selbst als Reporter zu fungieren. Als Beispiel nennt Outing ein Interview mit einem Politiker, bei dem der Reporter mit den Fragen, die von Lesern zugeschickt worden sind, antritt. Er könnte ebenso ein Entwurf eines Artikels vor der »offiziellen« Veröffentlichung an die helfenden Leser schicken und das darauffolgende Feedback in den Artikel einarbeiten. Zwei Beispiele für die von Outing als Reader Panel bezeichnete Form von Bürgerjournalismus ist das National Geographic Reader Panel und das Minnesota Public Radio. Unter einem Reader Panel kann eine unter anderem eine Datenbank von Lesern verstanden werden, die als Quellen für die Berichterstattung zur Verfügung steht. 6

Der Managing Direktor der Nachrichtenabteilung bei Minnesota Public Radio/American Public Media Michael Skoler meint:

»On any given story, someone in our audience is bound to know more than even most experienced reporters and editors.«7

Minnesota Public Radio hat laut den Angaben von Skoler drei Jahre Arbeit in eine neue Arbeitsweise investiert, die sie »Public Insight Journalism ®« nennen. Dabei kommt eine Software zum Einsatz, die rund 220.000 (Stand 2014) öffentliche Quellen beinhaltet und verarbeitet, welche ihre Fachkenntnis und ihre Erfahrungen bereitstellen. Analysten verwalten diese Beziehungen. Diese Interaktion soll laut Skoler dazu dienen, das Wissen und die Einsichten der Öffentlichkeit verfügbar zu machen für die Reporter und Redakteure. 8 Es werden hier Rezipienten als erweitertes Quellen-Netzwerk für Artikel genutzt.

Die fünfte Art, eine Möglichkeit für Leser zu schaffen, sich an der Berichterstattung zu beteiligen, ist nach Outing das Einrichten von Weblogs auf der Nachrichten-Website. Dabei werden entweder – durch die Einrichtung eines Bloghosting-Services – alle Leser eingeladen zu bloggen oder die Zeitung wählt Blogger aus und lädt diese ein, unter der Marke der Zeitung zu schreiben. Ein Beispiel ist die Website der »Welt«. Auf deren Seite Welt Debatte (heute passt die Seite eher in Kategorie 6) sind einige Weblogs vertreten. Als besondere Form des Bürger-Blogs nennt Outing Transparenz-Blogs, die Bürger zu öffentlichen Beschwerden, Kritik oder Lob an der Arbeit der Nachrichten-Site animiert.9

Die sechste Variante ist laut Outing die »stand-alone citizen-journalism site: Edited Version«. Das bedeutet, dass Artikel nur von Bürgerjournalisten geschrieben werden, die Artikel jedoch von Redakteuren redigiert werden. Outing schreibt, die Nachrichten dieser Seiten seien sehr lokal angelegt. Die Bürgerjournalisten schreiben über was immer sie wollen, diese Inhalte werden bis zu einem gewissen Grad redigiert so dass die redaktionelle Integrität gewahrt bleibt. Die Redakteure haben hier die Aufgabe Mitglieder der Gemeinschaft so zu leiten, dass qualitativ hochwertige Zusendungen erfolgen und die Teilnehmer außerdem darüber zu unterrichten, welche Nachrichten es wert sind, dass sie anderen mitgeteilt werden. So kann die Diskussion von interessanten Leuten aus der Gemeinde geführt werden. Für Seiten dieser Art ist laut Outing auch ein Bewertungssystem wichtig, denn wenn die Artikel nur nach dem Zeitpunkt ihres Erscheinens geordnet werden, ist es für Leser sehr schwierig relevante Information herauszufiltern. Der Vorteil dieser Seiten sei, so Outing, dass Bürger über Sachverhalte und Ereignisse berichten können, die von der lokalen Presse ignoriert werden. Als Beispiele für die USA nennt Outing MyMissourian, iBrattleboro und Greensboro.10

Die siebente Variante des Bürgerjournalismus nach Outing ist ähnlich der sechsten, nur dass hier keinerlei redaktionelle Bearbeitung erfolgt. Die Beiträge werden also vor der Veröffentlichung weder bearbeitet noch aussortiert. Hier ist es wichtig, so Outing, Wächter zu beschäftigen, die vor unangemessenem Inhalt schützen indem sie die alle Beiträge nach der Veröffentlichung prüfen. Eine praktischere Variante sei ein Button durch den unangemessene Inhalte durch Leser gemeldet werden können. 11

Outing schreibt über die Gründe warum die Beiträge nicht redaktionell betreut werden:

»Well, for one thing, this approach is more in the spirit of citizen journalism – let them be what they are (amateur writers, community members), rather than try to turn every contributor into a mini-journalist. Make the site more about community and less about ›journalism‹.«12

Die achte Variante von Bürgerjournalismus ist eine Printausgabe entweder vom sechsten oder vom siebenten Model. Inhalte der Printausgabe sind die besten Artikel der Website, welche in ähnlicher Weise wie bei einer Zeitung kategorisiert werden. Die meisten Beiträge werden vor dem Erscheinen in der Printausgabe noch einmal minimal überarbeitet, um Rechtschreib- und Grammatikfehler auszuschließen. Das Erscheinen der Printausgabe kann als Anreiz für die Teilnahme an Bürgerjournalismus-Projekten dienen und auch verdiente Mitglieder der Gemeinde dazu animieren teilzunehmen. Solche Printausgaben werden laut Outing als Hauptquelle für den Ertrag eines Bürgermediums angesehen, da die Werbekosten niedriger sind als in einer Zeitung oder auf einer Website. Auf der anderen Seite wird eine Printausgabe oft als Schritt zurück angesehen, die die Interaktivität von Bürgerjournalismus nicht richtig darstellen kann. Beispiele für Printausgaben im Bürgerjournalismus sind die Northwest Voice und MyTown. 13

In Outings neunte Kategorie gehört der Hybrid aus professionellem und Bürgerjournalismus, der beide Arten kombiniert. Das berühmteste Beispiel für diese Art ist die Südkoreanische Website Ohmynews. Bürgerberichte machen circa 70 Prozent des Inhaltes der Website aus. Ohmynews veröffentlicht nicht alles, was zugeschickt wird und zahlt Teilnehmern geringe Gebühren für ihre Inhalte, anders als die meisten Bürgerjournalismus-Websites in den USA. Laut Outing werden die Bürgerreporter von Ohmynews wie Journalisten behandelt, wenn sie auch nicht gut bezahlt sind.14

Das zehnte Modell ist ein theoretisches, das Bürger und professionellen Journalismus unter einem Dach vereinen soll. Es unterscheidet sich vom neunten Modell, weil es auf jeder Seite ein Mix aus professionell geschriebenen (bezahlten) und von Bürgern bereitgestellten Inhalten (kostenlos) bereithält. Die unterschiedlichen Inhalte werden genau bezeichnet aber nicht rigoros voneinander getrennt.15

Die elfte und letzte Form ist der Wiki Journalismus, in dem die Leser gleichzeitig als Redakteure fungieren. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die WikiNews Website. Outing schreibt darüber:

»It’s an experimental concept operating on the theory that the knowledge and intelligence of the group can produce credible, well-balanced news accounts.«16

Die oben genannten Formen lassen sich schwer voneinander abgrenzen, daher kann ein Beispiel verschiedenen Formen zugeordnet werden. In dieser Veröffentlichung werden vor allem die sechste, siebente und die neunte Form ausführlicher untersucht.

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2 Vgl. Outing 2005

3 Beispiele: http://www.welt.de/, www.heise.de, http://forum.spiegel.de/, http://www.faz.net/

4 Outing 2005

6 Vgl. Outing 2005

7 Skoler 2005: S. 19

8 Vgl. Skoler 2005: S. 19 ff.

9 Vgl. Outing 2005

11 Vgl. Outing 2005

12 Outing 2005

13 Vgl. Outing 2005

14 Vgl. Outing 2005

15 Vgl. Outing 2005

16 Outing 2005

CC BY-NC 4.0 Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell 4.0 international.

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