Vergleich und Auswertung der Expertenbefragung

Im Mai 2007 habe ich für diese Diplomarbeit 17 Gründer und Mitarbeiter von verschiedenen Bürgerjournalismus-Projekten aus Deutschland, den USA, Europa und Südkorea unter anderem zu Merkmalen des Projektes, Redaktionsstrukturen, Motivation der Teilnehmer befragt. Neun der angeschriebenen 17 Projekte antworteten. Die aussagekräftigsten Antworten sollen in diesem Abschnitt verglichen und ausgewertet werden.

Die erste Frage lautete: Wie würden Sie die besonderen Merkmale ihres Projektes erläutern? Darauf antworteten die verschiedenen Projekte naturgemäß sehr unterschiedlich.

Jan Popp-Sewing, ein Redakteur von der Bürgerjournalismus-Seite Opinio beschreibt das Projekt so:

»OPINIO ist das Autorenportal der Rheinischen Post. Hier haben Leser die Möglichkeit über alles zu schreiben, was sie bewegt. OPINIO ist in erster Linie ein Portal für lebendige Erfahrungsberichte. Das Einzigartige an OPINIO ist seine Crossmedialität. Einmal pro Woche erscheinen drei OPINIO-Beiträge auf einer eigenen Zeitungsseite in der Gesamtausgabe von Rheinischer Post und Neuß-Grevenbroicher Zeitung (Auflage: 400.000). Mittlerweile hat sich eine Start Community gebildet, die auch eigene Veranstaltungen organisiert und z.B. auch schon ein Buch produziert hat.«1

Opinio ist also das Projekt eines bestehenden traditionellen Medienunternehmens und auch durch das Erscheinen von Artikeln in der Rheinischen Post an dieses gebunden.

Martin Schneider, Redakteur der deutschen Ausgabe von cafebabel.co.uk, einer europäischen Bürgerjournalismus-Website stellt das Projekt so vor:

»Cafebabel.com ist ein Europäisches Magazin, das über Europa auf Europäisch berichtet. ›Auf Europäisch‹ heisst [sic!] in diesem Fall, dass wir sämtliche Artikel in sieben Sprachen veröffentlichen. Damit ist den Lesern der Inhalt des Magazins in Ihrer Muttersprache zugänglich. Alle Artikel werden von jungen Leuten aus ganz Europa geschrieben – jeder kann sich in seiner Muttersprache zu Europa äussern. Dies ist die bürgerjournalistische Seite von cafebabel.com.«2

Dieses Projekt ist also eigenständig und anders als Opinio nicht auf ein regionales Feld begrenzt. Das Projekt ist im Gegensatz zu Opinio und anderen Projekten ganz auf Internationalität ausgelegt, was die verschiedensprachige Aufmachung belegt. Ein Problem ist hier die Aktualität, da die Artikel erst in die verschiedenen Sprachen übersetzt werden müssen. Martin Schneider sieht die Seite deshalb eher als » ›klassisches‹ Magazin mit Bürgerjournalisten«3.

Über The Northwest Voice schreibt die Nachrichtenredakteurin Lisa Wuertz:

»Well, we’re sort of citizen journalism meets MySpace.com. We have a web-based newscast, polling, blogging, events calendar, a place for photos, and news from a variety of local contributors from pastors to police officers to your average stay at home mom.«4

Die Website The Northwest Voice ist ein Beispiel für ultra-lokale beziehungsweise lokale Bürgerjournalismus-Projekte in den USA. Hier wird Wert gelegt auf die Ausbildung einer Community, die sich für die Belange der Nachbarschaft einsetzt. Eine Besonderheit an The Northwest Voice ist, dass die Teilnehmer ihre Artikel auch per E-Mail oder als Brief in die Redaktion schicken. So wird es allen Mitgliedern der Bakersfielder Gemeinde ermöglicht, Artikel in der Northwest Voice zu veröffentlichen.

Die zweite Frage bezieht sich auf die redaktionellen Strukturen. Sie lautet: Findet in Ihrem Projekt ein Austausch zwischen Autoren und Redakteuren statt, in Bezug auf redaktionelle Arbeitsabläufe (Redigieren, Themenvorschläge, Aufgabenverteilung)?

Jan Popp-Sewing antwortete darauf:

»Natürlich findet ein reger Austausch zwischen Autoren und der OPINIO-Redaktion statt. Die Redaktion ist mit einem Themenvorschlag auf der OPINIO-Startseite vertreten. Die Redaktion nimmt auch Themenvorschläge aus der Community auf, z.B. wenn es um Kurzgeschichten, Wettbewerbe oder ähnliches geht und hilft bei der Umsetzung. Das von Ihnen angesprochene Redigieren von OPINIO-Artikeln findet nicht statt, die Redaktion korrigiert höchstens Fehler in Überschriften. Wenn Beiträge zu fehlerlastig sind, werden sie zurückgegeben.«5

Die Redaktion von Opinio redigiert also keine Texte sondern akzeptiert sie oder lehnt sie ab. Außerdem findet auf der Opinio Seite nur eine Einordnung in Kategorien statt, nicht aber eine Sammlung der besten, beliebtesten Artikel. Es wird darüberhinaus auch keine Möglichkeit gegeben, die Artikel anderer Teilnehmer zu bewerten.

Lisa Wuertz, die Redakteurin von Northwest Voice antwortete, sie schreibe selbst Artikel und rege die Leser dazu an mehr Inhalte zu schreiben, wenn diese benötigt werden. Ihre Aufgabe besteht außerdem darin Themen vorzuschlagen, wenn die Teilnehmer Ideen benötigen. Das Redigieren wird von ihr und einem »copy editor« durchgeführt. Dabei versuchen sie so wenig wie möglich an den ursprünglichen Texten zu verändern um diese so authentisch wie möglich zu halten und kontaktieren bei großen Veränderungen den Nutzer.6 Hier wird die Absicht klar, die Authentizität zu bewahren. Die Schreiber werden nicht als Amateurjournalisten angesehen, sondern als Mitglieder der Gemeinschaft, die etwas zu berichten haben, und dieses über die Plattform auch tun.

Der Austausch zwischen Redakteuren und Autoren ist laut Martin Schneider bei dem Projekt Café Babel sehr rege:

»Die Redakteure schlagen einmal pro Monat Themen vor, die Autoren können sich dann eines der Themen aussuchen. Es ist auch möglich, dass Autoren aus Eigeninitiative Themen vorschlagen. Der Redakteur gibt dem Autor dann eine Deadline. Nach Erhalt des Artikels redigiert der Redakteur den Text und schickt ihn an den Autor zurück, der die Änderungen absegnet. Uns ist wichtig, dass die Autoren mit den Änderungen einverstanden sind. Oft schicken wir den Text auch an den Autor zurück, wenn wichtige Informationen fehlen oder journalistische Grundregeln verletzt sind.«7

Die Zusammenarbeit zwischen Redakteuren und Autoren erinnert bei Café Babel stark an die zwischen professionellen Journalisten. Das zeigt, dass das Projekt den Anspruch hat, Journalismus vergleichbar mit traditionellen Unternehmen zu produzieren.

Bei allen drei Projekten ist die Zusammenarbeit zwischen professionellen Journalisten und Bürgerreportern zu beobachten. Die Redakteure sind hier nicht mehr im klassischen Sinne die Gatekeeper, sondern sie versuchen die Qualität der Beiträge hoch zu halten oder durch Redigieren die Qualität zu erhöhen. Beiträge werden nicht aufgrund ihres Inhaltes abgelehnt, sondern aufgrund von Qualitätsmängeln.

Die dritte Frage lautete: Welche Themen werden in Ihrem Projekt vordergründig behandelt, welche sind selten vertreten?

Lisa Wuertz von Northwest Voice antwortet auf diese Frage folgendermaßen:

»We don’t usually get a whole lot of stories about our local semi-pro sports teams or big ›headline‹ news events from our local community. We get a lot of stories about education, church events, activities and pets.«8

Es handelt sich bei den Artikeln auf Northwest Voice also nicht um Nachrichten im klassischen Sinne, sondern eher um Erlebnisberichte und Ereignisse, die im ultralokalem Bereich von Interesse sind. Mit Chris Anderson gesprochen, sind das die Long Tail der Nachrichten.9

Martin Schneider von Café Babel antwortete:

»Wir behandeln die ganze Bandbreite an Themen: Kultur, Politik, Welt, Wirtschaft, Gesellschaft, etc. Es gibt in diesem Sinne keine Richtlinie. Aber: Jeder Artikel sollte eine europäische Perspektive haben.«10

Es wird die Einordnung der Themen in Ressorts hervorgehoben. Das deutet wiederum auf eine journalistische Sichtweise hin. Darin unterscheidet sich Café Babel von anderen Bürgerjournalismus-Projekten.

Jan Popp-Sewing von Opinio beschreibt die Inhalte so:

»In erster Linie finden Sie bei OPINIO Erlebnisgeschichten zu allen Aspekten des menschlichen Lebens, darunter viele Geschichten zu Erlebnissen mit Familien & Kindern, Haustieren und ganz normalen Alltags-Geschehnissen. Hinzu kommen viele fiktionale Kurzgeschichten, Fotostrecken und Gedichte. Weniger vertreten sind politische Analysen, die es jedoch auch gibt.«11

Auch die Inhalte von Opinio sind sehr stark von Erlebnisberichten geprägt. Der Erfolg der Seite und die Anzahl der Kommentare zeigt, das diese Art von Artikeln Interesse bei den Lesern findet. So enthält zum Beispiel die Printausgabe von Opinio vom 18. Dezember 2007 die Artikel: »Tierischer Spaß im Zoo«, »Mein schönster Weihnachtsbaum« und »Schreiben mit zehn Fingern«.

Eine weitere Frage lautete: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe, die Internet-Nutzer zum Erstellen von Inhalten motivieren?

Lisa Wuertz von Northwest fasst ihre Überlegungen so zusammen:

»I think for some of them they love seeing fun news and not so much depressing stuff. For others I think it is the idea of getting to know their neighbors a little better that brings them to our publication. Some just love to write.«12

Die Konzentration der traditionellen Medien auf Konflikte kann also laut Lisa Wuertz die Bereitschaft bei Bürgern hervorrufen, eigene Artikel zu schreiben und die von anderen Bürgern zu lesen. Die Motivation liegt also darin, alternative Inhalte zu schaffen.

Die Motivation Artikel bei Café Babel zu verfassen, beschreibt Martin Schneider wiederum so:

»Die meisten Leute, die uns kontaktieren, wollen journalistische Erfahrung sammeln und sehen cafebabel.com als eine Möglichkeit, Ihre Artikel zu veröffentlichen. Die Hürden sind bei uns niedriger, es ist einfacher auf cafebabel.com einen Text zu veröffentlichen als in der FAZ. Andere wiederum sind Hobby-Schreiber die in anderen Berufen arbeiten aber hin und wieder einen Text schreiben wollen.«13

Personen, die im Journalismus Fuß fassen wollen, können solche Projekte also zum Sammeln von journalistischer Erfahrung verwenden. Aber auch die von Schneider genannten Hobby-Schreiber haben so die Möglichkeit, neben dem Beruf an Texten zu arbeiten und sich durch die Hilfe der Redakteure langsam immer weiter im Schreiben zu verbessern. Das Erhalten von journalistischen Fähigkeiten durch Learning-by-Doing ist also ein weiterer Motivationsfaktor.

Jan Popp-Sewings Meinung zur Motivation der Opinio-Schreiber:

»OPINIO gibt Autoren die Möglichkeit, Texte einem großen Publikum vorzustellen, Kommentare zu bekommen und mit anderen Autoren in einen Dialog zu treten. Außerdem besteht die Möglichkeit, mit Texten im gedruckten OPINIO zu erscheinen.«

Hier wird der Fokus auf die Bekanntheit durch die Artikel gelegt. Wenn jemand schreibt, will er auch gelesen werden. Ein Motivationsfaktor ist also Reputation.

Schon der Vergleich von drei verschiedenen Bürgerjournalismus-Projekten nach verschiedenen Kriterien macht deutlich, dass außer einer groben Einordnung wie Outing sie vorgenommen hat, keine differenziertere Unterscheidung und Einordnung von Bürgerjournalismus-Projekten vorgenommen werden kann. Dinge wie Redaktionsorganisation, Qualitätskontrolle und auch Geschäftsmodell sind von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Dies ist natürlich, da sich der Bürgerjournalismus als solcher noch im Experimentierstadium befindet.

Im weiteren Verlauf wird ein Projekt vorgestellt, das sich etabliert und viele Nachahmer gefunden hat. Zu diesem Projekt liegen außerdem Materialien zur Hand, die es möglich machen es genauer zu untersuchen. Es handelt sich um die südkoreanische Plattform Ohmynews, die inzwischen auch Nachrichten auf englisch veröffentlicht.

vorherige Seite                                                                                                      nächste Seite

1 persönliche Korrespondenz

2 persönliche Korrespondenz

3 persönliche Korrespondenz

4 persönliche Korrespondenz

5 persönliche Korrespondenz

6 Vgl. persönliche Korrespondenz

7 persönliche Korrespondenz

8 persönliche Korrespondenz

9 Vgl. Anderson 2006: S. 222 ff.

10 persönliche Korrespondenz

11 persönliche Korrespondenz

12 persönliche Korrespondenz

13 persönliche Korrespondenz

CC BY-NC 4.0 Dieses Werk ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell 4.0 international.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte Rätsel lösen, um Kommentarfunktion zu aktivieren. Danke.WordPress CAPTCHA