Nutzerverhalten und Motivation für Partizipation

Die Medien-Nutzer sind der wichtigste Bestandteil des Medien-Systems. Sie sichern durch ihre Rezeption und Partizipation die Existenz eines Mediums. Die sogenannten »lean-back« Medien wie Radio, Zeitung und Fernsehen, haben Konkurrenz bekommen durch ein Medium, das Aktivität und ständige Aufmerksamkeit fördert und fordert. Durch Internet als »lean-forward« Medium wandelt sich die Mediennutzung erheblich. Interaktion und Aktivität prägt die Medien-Nutzung in zunehmendem Maße. Auch die »Broadcast«-Medien wie ZDF, Arte oder Pro 7 reagieren auf diese Entwicklung. Ihr lineares Programmangebot ergänzen sie so schon heute durch Abruf-Sendungen, die dem Nutzer erlauben, selbst zu bestimmen, wann er etwas sehen will. Der Konsum von Medien wird an die individuelle Situation des Nutzers angepasst.1 Hier zeigt sich die erstarkte Position des Medien-Nutzers in Bezug auf die Medien-Macher, welche durch die technischen Möglichkeiten geschaffen wird.

Einschränkungen in der Nutzung der Web 2.0 Dienste sind weitestgehend dieselben, die für das gesamte Internet gelten. Der Zugang zum Internet muss gewährleistet sein. In diesem Zusammenhang wird oft von der Digitalen Kluft, auch »Digital Divide« genannt, gesprochen, die ein weltumspannendes aber auch nationales Phänomen ist. Damit sind die Menschen gemeint, die bewusst oder unbewusst keinen Zugang zum Internet besitzen. In den USA ist der Zugang zum Internet so zum Beispiel vom Alter, der Bildung und auch der ethnischen Herkunft abhängig. Heinz Bonfadelli ist nach der Auswertung empirischer Studien zu dem Schluss gekommen, dass sich die Digitale Kluft immer weiter verstärkt. Neben dem reinen Zugang zum Netz sind jedoch auch Kompetenzen bei dessen Nutzung von Bedeutung. So ist das Navigieren im Netz, der richtige Umgang mit einer Suchmaschine und die Fähigkeit deren Ergebnisse auszuwerten die Voraussetzung für den Zugang zu Wissen im Internet.2

Bonfadelli unterscheidet vier Barrieren, die den Umgang mit dem Internet verhindern oder erschweren. Entweder sind keine Bedienungskompetenzen vorhanden, was mit Ängsten und einer negativen Einstellung zum Computer verbunden ist, oder es gibt keine Zugangsmöglichkeit. Weiterhin nennt er mangelnde Nutzerfreundlichkeit der Geräte und Applikationen und die fehlende Übersicht über den Nutzen des Internets. Auch öffentliche Institutionen, Bildungseinrichtungen und Behörden sind laut Bonfadelli in der Pflicht den Zugang zum Internet und die erforderlichen Fähigkeiten zur Bedienung bereitzustellen, was erst zum Teil erfolgt sei.3

bonfadelli-wissenskluft

Abbildung 5.2.: Konsequenzen der Wissenskluft, Quelle: Bonfadelli, H. (2004): Digital Divide. Nationale und globale Wissensklüfte in der Informationsgesellschaft, in: CD, Kübler, H. D.; Elling, E. (Hrsg.): Wissensgesellschaft. Neue Medien und ihre Konsequenzen, Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn, S. 524.

In der »Offline-Studie 2007« der Zeitschrift Media Perspektiven, sehen »Offliner« Vorbehalte und Distanzen dem Internet gegenüber als die Hauptgründe an, dieses zu meiden. (Da die statistischen Daten veraltet sind, hier vorerst mal ein Link zur Media Perspektiven Seite.) Bei den Jüngeren sind vor allem die Anschaffungskosten in Form von Hardware und Internetzugang ausschlaggebend. 27 Millionen Erwachsene (ab 14 Jahre) hatten im Jahre 2007 in Deutschland keinen Zugang zum Internet. Der Großteil davon ist der Meinung, dass das Internet für sie keinen Nutzen bereithält. 4 Außerdem wissen über die neuesten Applikationen wie Weblogs, Podcasts oder die Online-Enzyklopädie Wikipedia nur die wenigsten Offliner Bescheid.

Auch ist eine hohe Medienkompetenz notwendig, um die neuen Dienste sinnvoll nutzen zu können. Genauso kann davon ausgegangen werden, dass nicht alle Internetnutzer Interesse an der Nutzung kollaborativer und interaktiver Medien zeigen.

Für die Nutzung eines Großteils der neuen Web-Applikationen ist darüber hinaus ein schneller Internetzugang erforderlich. Dienste wie Foto-, Musik- und im Besonderen Video-Plattformen und Tauschbörsen machen den Besitz einer hohen Bandbreite nötig, so dass Daten schnell konsumiert, herunter- oder hochgeladen werden können. Laut der »ARD/ZDF-Online-Studie 2007« besitzen 59 Prozent der Onliner einen DSL-Zugang. Über eine Flatrate, also zeitlich unbegrenzten Zugang zum Internet, verfügten zwei Drittel der Internetnutzer. Die »ARD/ZDF-Online Studie« belegt weiterhin 2007 eine stärker werdende Nutzung von multimedialen Inhalten in Deutschland. So nutzen 14 Prozent der »Onliner« regelmäßig Audiodateien.

Als die Voraussetzung für die Nutzung multimedialer Inhalte werden benutzerfreundliche und kostengünstige Verteilwege und Endgeräte genannt. Die Rezeption neuer Internet-Medien wie Podcasts oder Vodcasts wird dagegen noch überbewertet. Nur vier Prozent der Internetnutzer beziehen regelmäßig Podcasts. Auch ist das Abonnieren von Newsfeeds über RSS nur bei zwei Prozent der Internetnutzer gebräuchlich. Die Studie bescheinigt bei einem Drittel der Internetnutzer ein Interesse an den Möglichkeiten der aktiven Partizipation. Dabei zeigen die 14- bis 19-Jährigen überdurchschnittlich hohes Interesse. Aktiv beteiligen sich die wenigsten am Web 2.0. Ein kleiner Teil der Nutzer schaffe laut der Studie viele neue Inhalte. Das Publikum für »User generated Content« ist also vorhanden. Die Angst vor Missbrauch persönlicher Daten hält viele Internetnutzer von einer aktiven Teilnahme ab. So befürchten 84 Prozent der Onliner, dass persönliche Daten im Internet missbräuchlich verwendet werden könnten. Das hält laut der Studie 36 Prozent nicht davon ab, diese Daten preiszugeben. 5

Die Verbreitung der Web 2.0 Applikationen und die Motivation der Nutzer soll hier anhand von Weblogs analysiert werden, da zu diesen Anwendungen die meisten empirischen Studien vorhanden sind. In einer Forschungssynopse der Zeitschrift Media Perspektiven wurden von Christoph Neuberger, Christian Nuernbergk und Melanie Rischke verschiedene repräsentative und nicht repräsentative Studien ausgewertet. So kommt die repräsentative Studie Mediascope Europe 2006 zu dem Ergebnis, dass die aktive Nutzung von Weblogs in Deutschland (8 Prozent) geringer ist als in den zehn anderen untersuchten europäischen Ländern (durchschnittlich 15 Prozent). Frankreich (25 Prozent), Dänemark (20 Prozent) und Belgien (19 Prozent) hatten die höchsten Nutzer-Quoten. Auch im internationalen Vergleich liegt Deutschland (15 Prozent) im Bezug auf das Lesen von Weblogs weit hinter Japan (74 Prozent), Südkorea (43 Prozent) und China (39 Prozent) und den USA (27 Prozent.) Eine Auswertung der Sprachen, in denen Weblogs geschrieben wurden, ergab weiterhin, dass Englisch (39 Prozent), Japanisch (33 Prozent) und Chinesisch (10 Prozent) die am meisten genutzten Sprachen im Oktober 2006 waren. Als Gründe warum Weblogs betrieben werden wurden in einer Studie von Oktober 2005 vor allem selbstbezogene Motive wie zum Beispiel »zum Spaß«, »weil ich gerne schreibe« und »um eigene Ideen und Erlebnisse für mich selbst festzuhalten«. Auch das Knüpfen und Aufrechterhalten von Kontakten wurde genannt. 33 Prozent der Befragten wollten ihr »Wissen in einem Themengebiet anderen zugänglich« machen. 6

Die Studie »Deutschland Online 4«, die einen wirtschaftlichen Ansatz verfolgt und im Rahmen einer Experten- und Konsumentenbefragung die Bedeutung des Breitband-Internets für Deutschland untersucht, hat einen Sechs-Ländervergleich der Social Web Entwicklung vorgenommen. Deutschland liegt dabei hinter den USA, Japan, Südkorea und Schweden.7 Schlechter als Deutschland schneiden 2006 nur Großbritannien und Frankreich ab.

Beim Vergleich der Triade USA, Asien und Europa zeigt sich, dass sich die hohe Verbreitung des Breitband-Internets auch auf die aktive Teilnahme an der Generierung von Inhalten durch Nutzer auswirkt. Die Expertenbefragung der »Deutschland Online 4« Studie von 2006 ergibt, dass vier asiatische Länder bei der Breitband-Entwicklung an der Spitze stehen, die USA stehen an vierter Stelle, Europa bildet die Schlussgruppe.8

Die Betrachtung der Entwicklung des Social Webs in den USA, Südkorea und Japan zeigt deutlich den Zusammenhang zwischen Breitband-Verbreitung und dem Erfolg des Web 2.0. So ist zum Beispiel die süd-koreanische Bürgerjournalismus-Plattform Ohmynews die erfolgreichste Anwendung im Bereich der partizipativen Online-Medien. Der Pressesprecher von Ohmynews Jean K. Min schreibt im Nieman Report, dass sich im Jahr 2005 mehr als 40.000 Bürger aktiv an der Erstellung von Beiträgen beteiligt hätten. 9

Den Grund sieht Min in dem Ungleichgewicht in der Medienberichterstattung:

»For lots of angry young Korean ›Netizens‹ who felt their voice was perennially ignored by the overwhelmingly conservative Korean mainstream media, OhmyNews was a godsend when it was launched in February 2000.«10

Der Gründer von Ohmynews ist ebenfalls dieser Meinung:

»We have a real imbalance in our media – 80 percent conservative and 20 percent liberal – and it needs to be corrected. My goal is 50-50.«11

Über die Motivation für Citizen Reporters, die sich an ultralokalen Bürgermedien in den USA beteiligen äußert sich Jan Schaffer folgendermaßen:

»Again and again, the applicants said no news organisations were covering their concerns or their communities – whether they lived in cities or villages, military bases or university towns, ethnic enclaves or Indian reservations. So, they proposed, they would do so themselves – throug Web sites, podcasts, low-power FM radio and ink on paper.«12

In einer Studie befragte Clyde H. Bentley, Professor an der Missouri-Columbia School of Journalism die Teilnehmer an dem Bürgermedien-Projekt »MyMissourian« nach ihren Motiven.13 Eine Frage lautete, ob die Leute sich registrierten, weil sie Interesse daran hatten eine Community aufzubauen oder weil sie Interesse an alternativen politischen Meinungen hätten. Beide Optionen wurden häufig gewählt und sind stark miteinander verknüpft. Weiterhin hatten registrierte Teilnehmer, die nicht regelmäßig die lokale Zeitung lasen bestätigt, dass Community Aufbau (65 Prozent) und politisches Interesse (52 Prozent) für sie sehr viel wichtiger seien als für diejenigen, die regelmäßig Zeitung lasen. Diese Ergebnisse bedeuten laut Bentley, dass MyMissourian teilweise attraktiv für Nicht-Leser ist, weil es alternative Standpunkte offeriert und die Chance gibt, eine Bindung mit der Gemeinde einzugehen.

Bentleys Resultate aus der Studie lauten folgendermaßen:

»Based on the survey results, giving people a place to talk about what is important to them – whether community or political issues – may be what drives readers to citizen journalism sites. … By providing readers a forum to publish anything that is important to them, citizen journalism enhances a news organizations local reach and could thereby provide a better community-building forum than if the paper were to exercise its gatekeeping role and selectively publish only the news thats fits in the print edition. The readers will still turn to the newspaper for its staple of typical fare, including stories on local politics, but will got to a citizen journalism site to read about something the paper doesnt normally cover, such as deer hunting photos and stories.« 14

Diese Aussagen bestätigen, dass gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Strukturen auf die Entwicklung von Bürgerjournalismus Einfluss nehmen und eben nicht nur technologische Entwicklungen eine Rolle spielen.

Insgesamt wird deutlich, dass sich in Deutschland noch nur wenige aktiv an dem Schreiben und Kommentieren von Weblogs und an dem Schreiben von Artikeln für Bürgermedienseiten beteiligen. In anderen Ländern ist dies anders. Vor allem in Asien aber auch in den USA schreiben und lesen viele Menschen Weblogs und beteiligen sich auch sonst rege an den Möglichkeiten, die das Internet ihnen heute im Bereich »Social Web« und Web 2.0 bietet.

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1 Vgl. Eimeren; Frees 2006: S. 412 f.

2 Vgl. Kubicek 2004: S. 127 ff., Vgl. Bonfadelli 2004: S. 511 ff.

3 Vgl. Bonfadelli 2004: S 528 f.

4 Vgl. Gerhards; Mende 2006: S. 419 ff.

5 Vgl. Gscheidle; Fisch 2007: S. 394

6 Vgl. Neuberger; Nuernbergk; Rischke 2007: S. 97 ff.

7 Vgl. Wirtz; Burda; Raizner 2006: S. 71

8 Vgl. Wirtz; Burda; Raizner 2006: S. 88 ff.

9 Vgl. Min 2005: S. 16

10 Min 2005: S. 17

11 Ho zitiert aus: Min 2005: S. 17

12 Schaffer 2005: S. 24

13 Vgl. Bentley 2006: http://citizenjournallism.missouri.edu.

14 Bentley 2006: http://citizenjournallism.missouri.edu.

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