Ausblick und Fazit

In Zukunft wird es nicht zu einer Ablösung von professionellem Journalismus durch Bürgerjournalismus kommen. Beide Modelle werden nebeneinander bestehen und voneinander profitieren. Zum einen werden auch in Zukunft professionelle Journalisten gebraucht, die Fakten überprüfen und komplexe Zusammenhänge erläutern. Zum anderen werden immer mehr Menschen im Internet nach speziellen Nachrichteninhalten suchen, seien es Technik-Nachrichten oder Erlebnisberichte aus Afghanistan.

Ziel dieser Untersuchung war es, die Redaktionssysteme von partizipativen Online-Medien zu vergleichen, um so festzustellen welche Redaktionssysteme in Zukunft angewendet werden können, damit durch Bürger erstellte alternative Inhalte im Internet publizierbar
sind. Die untersuchten Projekte haben alle in verschiedenen Formen eine Zusammenarbeit von professionellen Journalisten und Laien als Redaktionssystem gewählt.

Bei den entstandenen und behandelten kollaborativen Projekten ist eine unterschiedliche Auffassung über die Teilnehmer des Projektes zu beobachten. Die einen behandeln sie als Laienjournalisten, denen die Normen des Journalismus näher zu bringen versucht wird. Die anderen behandeln sie eher als Mitglieder einer Community, deren Beiträge so authentisch wie möglich weiter gegeben werden sollen. Dies hat Auswirkungen auf die Redaktionsstrukturen der einzelnen Projekte. Während bei den einen jeder Artikel redigiert, beziehungsweise abgelehnt wird, wenn er den Qualitätsansprüchen nicht genügt, so veröffentlicht ein anderes Projekt alle Beiträge unredigiert, da so eine Diskussion angeregt wird. Diese zwei Formen werden sich in Zukunft weiter etablieren, da hier verschiedene Motivationsfaktoren bedient werden. Bei Projekten wie Café Babel können die Teilnehmer sich journalistische Tätigkeiten an trainieren lassen.

Bei Projekten wie opinio und The Northwest Voice geht es vor allem um die gemachten Aussagen und nicht um die Form in der sie verfasst werden. Die Motivation liegt hier einmal in der Reputation, da die eigenen Beiträge veröffentlicht werden und in dem Anreiz alternative Nachrichteninhalte zu veröffentlichen. Weiterhin ist denkbar das die internationalen Formen, die entweder englischsprachig arbeiten oder die Artikel in verschiedene Sprachen übersetzten lassen, mehr Erfolg haben werden, als Projekte, die sich nur auf eine bestimmte Region beziehen, die also ultralokal sind.1

Internationale Projekte haben einen größeren Stab an Teilnehmern und können so mehr Inhalte liefern, die wiederum mehr Publikum anziehen. So kann die Interaktivität besser ausgebaut werden und auch Fehler können durch mehr Teilnehmer besser beseitigt werden. Ein Beweis für diese Annahme ist die Aufgabe des Projektes Backfence.com, das sich auf den ultralokalen Bereich spezialisiert hatte.

Ein weiterer wichtiger Faktor neben der Weiterentwicklung des Internets und der Verbreitung des Breitbandinternets sind die Weiterentwicklung freier Standards. Diese ermöglichen einen freieren Umgang mit Inhalten und somit vereinfachen sie die Weitergabe von Informationen, auf die auch die partizipativen Medienprojekte angewiesen sind. Sind die Inhalte zur Weiterverbreitung sei es durch Creative Commons oder GPL freigegeben, können auch kollaborative Projekte ihre Ziele besser durchsetzen. Global Voices Online als Aggregator von Weblog- und anderen Inhalten hängt so zum Beispiel von der Freiheit der verarbeiteten Inhalte besonders ab und stellt die aggregierten Inhalte wieder unter eine freie Lizenz.

Hier wird sichtbar, dass die Arbeitsweise der Entwickler von freier Software auch für die Zukunft Anregungen für die Weiterentwicklung der partizipativen Medien geben können. So ist vor allem die kollaborative Arbeit von mehreren Teilnehmern an einem Artikel, die in Ansätzen schon von NowPublic durchgeführt wird, wichtig für die Weiterentwicklung.

Die Zukunft des Journalismus ist stark verknüpft mit dem Einbeziehen des Publikums. Die etablierten Medien reagieren schon jetzt auf die Welle aus »user-created-content« mit Einbindung von Weblogs auf ihrer Website, dem Zulassen von Kommentaren und der Bildung von Communities durch Foren. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren weiter fortsetzten. Die Ressourcen, die durch das Publikum gestellt werden, seien es Bildmaterial oder Videomaterial, sollten auch in der Zukunft besser genutzt werden. Eine Vorreiter-Rolle spielt hier die BBC, die ihr Publikum zu Autoren ausbildet, deren Material auf Websites und im Fernsehen verarbeitet wird.

Profitieren werden von diesen neuen Quellen auch die Nachrichtenagenturen, die auch jetzt schon mit einigen Projekten Partnerschaften abgeschlossen haben, dadurch, dass Menschen mit digitalen hochauflösenden Kameras überall auf der Welt an Ort und Stelle von unvorhersehbaren Ereignissen sind.

Es könnte sein, dass sich beim Bürgerjournalismus ähnlich dem professionellen Journalismus Normen durchsetzten, die sich zwar von
den bestehenden unterscheiden, dafür aber besser an die Plattform Internet angepasst sind. Schon jetzt existieren alternative Normen
für partizipative Bürgermedien: Sorgfalt, Vollständigkeit, Ausgeglichenheit, Unabhängigkeit und Transparenz. Diese Normen können in Zukunft einen neuen Journalismus unterstützen, der sich an das Medium Internet angepasst hat auch subjektive Stimmen in die Berichterstattung durch transparente Arbeitsweise gewähren lässt und ihnen Glaubwürdigkeit verleiht, wenn sie sich an diese Normen halten.

Die Entwicklung neuer Medien ist wie in der Untersuchung gezeigt wurde, abhängig vom Einfluss vorhandener Medien, Gewohnheiten und Vorstellungen der Mediennutzer, Politik und Wirtschaft. Diese Faktoren gilt es zu beachten, wenn eine Prognose gewagt werden soll.

Insgesamt ist zu erwarten, dass die Nutzung der neuen Bürgermedien in Zukunft weiter zunehmen wird. Auch in Deutschland wächst eine Generation heran, die sich nicht mehr über die Zeitung informiert, sondern über das Internet. Es ist dann nur ein kleiner Schritt von passiver Information zur aktiven Teilnahme an der Nachrichtenberichterstattung.

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