Rollenverständnis professioneller Journalisten

Die als legitim betrachtete gesellschaftliche Aufgabe, also das Rollenverständnis, von professionellen Journalisten lässt sich in zwei Kategorien einteilen. Es gibt jene, die bei der Nachrichtenauswahl bestimmte Wirkungsziele verfolgen oder die, die möglichst neutral nach rein professionellen Kriterien vorgehen. Das Rollenverständnis ist dabei zu unterscheiden von den Funktionen des Berufes, die die Folgen des beruflichen Handelns darstellen.

So gibt es die Journalisten, deren Rollenbild dem eines Anwalt der Stimmlosen entspricht, im englischen »advocate«. Sie wählen die Nachrichten nach den Interessen ihres Publikums aus und handeln dadurch stellvertretend für die gesellschaftlichen Gruppen, die sie vertreten. Die Torwächter oder englisch gate-keeper dagegen wählen die Nachrichten nach Standards wie Objektivität und Ausgewogenheit aus.1

Auch Wolf Schneider und Paul-Josef Raue sehen »gute Journalisten« in ihrem Werk »Das neue Handbuch des Journalismus« als Orientierungsgeber, Erklärer, wenn nicht sogar als Lehrer:

»Nur [Journalisten – Anm. d. Verf.] füllen die lebenswichtige Rolle aus, die das demokratische Staatswesen ihnen zuweist: Indem es die Wahlentscheidung in die Hand aller erwachsenen Bürger legt, baut es darauf, dass die Wähler wenigstens einigermaßen den Hintergrund und das Für und Wider ihrer Entscheidungen kennen; die Journalisten sind die Instanz, deren Aufgabe es ist, ihnen zu diesem Informationsstand zu verhelfen.« 2

In der repräsentativen Studie der Zeitschrift Media Perspektiven »Journalismus 2005« von Siegfried Weischenberg, Maja Malik und Armin Scholl wurde unter anderem das Rollenselbstverständnis der Journalisten analysiert.3 Dabei wird deutlich, dass das Selbstverständnis der deutschen Journalisten von der Informationsfunktion dominiert wird. So wollen 89 Prozent »das Publikum möglichst neutral und präzise informieren« und nahezu 80 Prozent wollen dem »Publikum komplexe Sachverhalte erklären und vermitteln«. 74 Prozent der befragten Journalisten wollen darüber hinaus die »Realität genauso abbilden, wie sie ist«. Es bejahen weiterhin mehr als die Hälfte der Journalisten die Kritikfunktion, wobei zwei Drittel bestätigen, dass diese Aufgabe nicht im redaktionellen Alltag durchgesetzt werden kann. Das zweite Rollenbild – das des Anwalts – ist weniger stark vertreten. Mehr als die Hälfte wollen »Kritik an Missständen üben«, nur 34 Prozent wollen »normalen Leuten eine Chance geben, ihre Meinung zu Themen von öffentlichem Interesse zum Ausdruck zu bringen« und knapp 30 Prozent wollen »sich einsetzen für die Benachteiligten in der Bevölkerung«. Umsetzbar halten dieses Vorhaben 57 Prozent der Journalisten.4

Das neue Medien-System setzt neue Anforderungen an die professionellen Journalisten. Sie konkurrieren im Internet mit Suchmaschinen und »Social Bookmarking« Websites, die von Internetnutzern gestaltet werden. Sie haben nicht mehr das Monopol unter den Informationsvermittlern, können dem Publikum aber dennoch im immer größer werdenden Datenstrom, eine Orientierung bieten und durch die Anwendung der journalistischen Normen vertrauenswürdige Informationen zur Verfügung stellen. »Torwächter« und »Anwälte« können beide als Kommunikatoren nach Langenbucher angesehen werden, da sie die Nachrichten filtern und für ein Publikum aufbereiten. Im Internet als Publikationsraum kommt nun die Form des Mediators zum tragen.5 Der Mediator sieht eine Nachricht als Grundlage für eine Diskussion mit dem und innerhalb des Publikums. In Foren und durch Kommentare nach der Nachricht ist es möglich, über eine Nachricht oder auch eine Meinung eine Debatte zu starten und das Ergebnis in eine neue Nachricht einfließen zu lassen.6

Nach Kovach und Rosenstiel entscheiden die Journalist im neuen Medien-System nicht länger, was die Öffentlichkeit wissen sollte. Sie helfen dem Publikum, Sachverhalte zu verstehen. Damit ist nicht gemeint, dass sie einfach Interpretation oder Analyse zur Nachrichtenberichterstattung hinzufügen. Die wichtigste Aufgabe der Journalisten ist nun aber eher zu prüfen, welche Informationen glaubwürdig sind und diese dann zu ordnen, so dass die Rezipienten sie effizient erfassen können.

Schon in den Anfängen des Journalismus spielte die Konversation eine entscheidende Rolle. Im frühen 17. Jahrhundert entstand der Journalismus in speziellen öffentlichen Plätzen wie den Kaffeehäusern in Europa und später den Pubs und »publick houses« in den USA. Die Besitzer, »publicans« genannt, leiteten die Diskussionen über Informationen, die von Reisenden in das Logbuch am Ende der Bar eingetragen wurden. Die ersten Zeitungen entwickelten sich aus den Kaffeehäusern heraus um das Jahr 1609 herum. Damals begannen Verleger die Handelsnachrichten, Gerüchte und politischen Streitigkeiten zu sammeln und auf Papier zu drucken.7

Für Kovach und Rosenstiel kommt der Journalismus zurück zu seinen Ursprüngen, wenn Leser eine E-Mail an einen Redakteur schreiben, um ihn auf Fehler hinzuweisen. Die Interaktion mit dem Publikum wird wieder angeregt:

»This kind of high-tech interaction is a journalism that resembles conversation again, much like the original journalism occurring in the publick houses and coffeehouses four hundred years ago. Seen in this light, journalism’s function is not fundamentally changed by the digital age. The techniques may be different, but the underlying principles are the same. The journalist is first engaged in verification.« 8

Hier wird der Vorteil der professionellen Journalisten gegenüber den persönlichen und kollaborativen Publizisten sichtbar. Die professionellen Journalisten sind geschult darin, komplexe Zusammenhänge anschaulich und verständlich für das Publikum aufzubereiten. Sie analysieren die Datenmenge, die ihnen zur Verfügung steht und bringen das wichtige für den Artikel oder Beitrag in eine überschaubare Form. Hier gilt es auch den Internet-Usern, diese Kompetenzen zu vermitteln schon allein, damit sie sich im Internet sicher informieren können. Die Angebote der Medienpädagogik zu nutzen ist dafür eine bestehende Möglichkeit, deren flächendeckender Ausbau gefördert werden sollte.

Der Journalist wird im neuen Medien-System auch zum Moderator, der die Diskussion seiner Leser leitet. Bernd Kundrun, der Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr kündigte in einem Interview im Mai 2006 folgendes die Neudefinition des Journalismus an:

»Vergangenheit ist: Der Journalist recherchiert, er schreibt, er wird publiziert, der Leser liest und fertig. Die Zukunft wird sein: Der Journalist findet ein Thema, er recherchiert, er strukturiert und wird publiziert. Aber das war es noch nicht: Der Journalist bleibt am Ball, er beobachtet, wie sich dieser erste thematische Impuls entwickelt. Er wird für den Leser Ansprechpartner, er trägt Mitverantwortung für die vielleicht folgenden Diskussionen und moderiert diese.« 9

Der Friedensjournalismus auch »public journalism« genannt, setzt sich so zum Beispiel für eine Suche nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme ein. Anstatt nur die einzelnen Konflikte in Tagespresse und Nachrichten des Tages aufzuzählen, versucht der Public Journalism den Zusammenhang von Konflikten aufzuzeigen und wenn möglich eine Lösung zu benennen. Dieser Journalismus ist eine Reaktion auf die Nachrichtenauswahl nach Kriterien und lässt sich unter der Kritikfunktion der Journalisten einordnen. Er wurde von Johan Galtung nach dessen ausführlicher Untersuchung der Nachrichtenauswahl von Journalisten als Friedensjournalismus entwickelt. Dieser Ansatz der Problemlösung wird auch »civic journalism«, »public journalism« oder Netzwerk-Journalismus genannt, wenn er sich bei der Suche nach Lösungen an das Publikum wendet. Bei dieser Form wird die Isolation von den Journalisten gegenüber dem Publikum aufgelöst, wobei ein neues Vertrauen entsteht und zusätzliche Perspektiven die Berichterstattung bereichern. Der Journalist übernimmt hier die Aufgabe eines Moderators oder Mediators, der  viele Stimmen sammelt, die Bürger zur Diskussion miteinander anregt, welche er bei Bedarf auch moderieren kann. 10

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1Vgl. Donsbach 1999: S. 81 f.

2Schneider, Raue 2006: S. 15

3Vgl. Weischenberg; Malik; Scholl 2006

4Vgl. Weischenberg; Malik; Scholl 2006: S. 347­

5Donsbach 1999: S. 81

6Vgl. Neuberger 2003: S. 135 f.

7Vgl. Kovach; Rosenstiel 2001: S. 25

8Kovach; Rosenstiel 2001: S. 25

9Kudrun zitiert aus: Stedler 2006: S. 33

10Vgl. Kovach; Rosenstiel 2001: S. 101

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