Medientheoretische Debatte um Massenmedien

So wie Gerhard Maletzke das Modell der Massenkommunikation beschreibt, befassen sich auch andere Wissenschaftler mit medientheoretischen Überlegungen zur Massenkommunikation. Viele von ihnen kritisieren das System der Massenmedien auf das Schärfste, da sie sie für die Isolation der Bürger und die Entpolitisierung der Diskurse verantwortlich machen. Theodor W. Adorno und Max Horckheimer beschäftigen sich in ihrem Werk »Die Dialektik der Aufklärung« von 1947 unter anderem mit den Auswirkungen der Massenmedien auf die Kultur und die Individualität der Menschen. Der Begriff der Kulturindustrie, der in diesem Zusammenhang von beiden geprägt wurde, bezeichnet die ökonomische Vermarktung von Kultur als Ware in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Dies hat laut Horckheimer und Adorno Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft.1

In seinem Werk »Résumé über Kulturindustrie« von 1963 kritisiert Adorno die Form, in der Menschen von den Medien unterhalten werden, wobei der kleinste gemeinsame Nenner der Masse bedient und somit seichte Unterhaltung produziert werde. Die Menschen werden, so argumentiert er, statt zur Entwicklung ihres Bewusstseins zur Anpassung getrieben, da sie das annehmen sollen, was die Medien ihnen präsentieren, ohne, dass sie sich fragen, ob es andere Formen der Kommunikation geben könnte. Er schreibt den Massenmedien einen negativen Effekt auf die Entwicklung der Menschen zu mündigen und aktiven Bürgern zu.2

Adorno schreibt weiter über die Kulturindustrie:

»Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist der einer Anti-Aufklärung; in ihr wird … Aufklärung, nämlich die fortschreitende technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewußtseins. Sie verhindert die Bildung autonomer, selbständiger, bewußt urteilender und sich entscheidender Individuen. Die aber wären die Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft, die nur in Mündigen sich erhalten und entfalten kann. Werden die Massen, zu Unrecht, von oben her als Massen geschmäht, so ist es nicht zum letzten die Kulturindustrie, die sie zu den Massen macht, die sie dann verachtet, und sie an der Emanzipation verhindert, zu der die Menschen selbst so reif wären, wie die produktiven Kräfte des Zeitalters erlauben.«3

Die medienkritische Haltung gegenüber dem Massenmedium äußerte sich auch in der Forderung die Einseitigkeit der Medien, vor allem des Rundfunks aufzuheben. Die damals neuen Medien wurden als Chance gesehen, den öffentlichen Meinungsaustausch in neuem, vorher unbekannten Ausmaß zu gestalten. Bedeutend ist in diesem Zusammenhang die »Radiotheorie«, die Bertolt Brecht in den Zwanziger Jahren entwickelte. Er sah in dem zu jener Zeit jungen Medium die Chance eine Kommunikation zwischen den öffentlichen Institutionen und dem Individuum zu ermöglichen. In einer Rede über die Funktion des Rundfunks, die 1932 unter dem Namen »Der Rundfunk als Kommunikationsapparat« veröffentlicht wurde, äußert er seinen Anspruch die Massenmedien zur beidseitigen Kommunikation zu befähigen:

»Der Rundfunk ist aus einem reinen Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. … Er hat über dies hinaus die Einforderung von Berichten zu organisieren, das heißt, die Berichte der Regierenden in Antworten auf die Fragen der Regierten zu verwandeln. Der Rundfunk muß den Austausch ermöglichen. Er allein kann die großen Gespräche der Branchen und Konsumenten über die Normung der Gebrauchsgegenstände veranstalten, die Debatten über Erhöhungen der Brotpreise, die Dispute der Kommunen.«4

Es wird deutlich, dass er nicht die Struktur der Massenmedien, nämlich ihre Verbreitung von Nachrichten kritisiert, sondern die Tatsache, dass diese Möglichkeit nur einem geringen Teil der Gesellschaft vorbehalten ist. Auch die Rezipienten sollen ihre Meinung zu Politik, Wirtschaft und den Angelegenheiten von öffentlichem Interesse verbreiten können. Wenn durch ihre Aktivierung ein Diskurs zwischen den Institutionen der Öffentlichkeit und dem Einzelnen entstünde, wäre das eine Bereicherung für die Gesellschaft, da die Interessen der Allgemeinheit im Meinungsaustausch vertreten wären und so Entscheidungen aufgrund einer offenen Debatte getroffen werden würden. Brecht führte mehrere Rundfunkexperimente durch, in denen er den Radiohörern die Möglichkeit gab Einfluss auf den Verlauf einer Hörspielsendung zu nehmen. Letztlich realisierte er, dass für die Nutzung aller technischen Möglichkeiten der Massenmedien den Menschen Freiheiten und Kenntnisse zur Verfügung stehen mussten, zu denen sie in der damals herrschenden Gesellschaftsordnung keinen Zugang besaßen.

»Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen diese Vorschläge, welche doch nur eine natürliche Konsequenz der technischen Entwicklung bilden, der Propagierung und Formung dieser anderen Ordnung.«5

Hockheimers und Adornos Ausführungen über die »Kulturindustie« und die «Brechtsche Radiotheorie stießen eine Debatte an, die sich über Jahrzehnte zog. Sie setzen sich auseinander mit den Auswirkungen, die die Massenmedien auf die Gesellschaft haben. Ein wichtiger Bestandteil der Debatte ist dabei, ob die Kommunikation durch die Medien nicht eher verhindert wird, da die Menschen voneinander isoliert werden und nicht wirklich ein Dialog mit den Medieninstitutionen und den Menschen untereinander zustande kommt.6

Im Jahr 1970 wird die Argumentation Brechts von Hans Magnus Enzensberger in einer wie er selbst im »Baukasten zu einer Theorie der Medien« schreibt, sozialistischen Theorie der Medien fortgeführt. Er spricht den elektronischen Medien eine mobilisierende Kraft zu, die seiner Meinung nach unterdrückt wird, da Propaganda, die Selbstständigkeit nicht freisetzt sondern lähmt, zur Entpolitisierung führe. Für ihn besitzen die Medien das Potenzial die massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen und vergesellschafteten Prozess möglich zu machen. Er stimmt mit Brecht in der These überein, die vorhanden Medienapparate müssten nur als Sender genutzt werden, so dass sie nicht nur Distributionsmedien sondern auch der Funktion nach Kommunikationsmedien seien. Denn bisher ermöglichten sie keine Kommunikation, sondern würden sie im Gegenteil verhindern, da sie keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zulassen würden, wofür es keine technische Notwendigkeit gebe. Ihm geht es darum, die Massenmedien dahingehend zu manipulieren, um die Ideen der sozialistischen Bewegung und nicht nur die des Staates und der Wirtschaft zu verbreiten.7

Die von Enzensberger genannten neuen Medien haben mit den Massenmedien, wie Maletzke sie beschrieben hat, jedoch nur wenig zu tun. Sie sind laut Enzensberger in ihrer Struktur egalitär. Weiterhin erläutert er, sie würden das geistige Eigentum auflösen und die gespeicherten Informationen allen zugänglich machen. Er hält außerdem eine kollaborative Nutzung der Medien und somit die Organisation der Massen für notwendig, um die Qualität der von ihnen generierten Inhalte zu gewährleisten, denn das Programm, das der isolierte Amateur herstelle, sei immer nur die schlechte und überholte Kopie dessen, was er ohnehin empfange. Diese Veränderung in der Struktur und Funktion der Medien, macht er abhängig von dem Bestehen einer freien sozialistischen Gesellschaft. Auch sollten die sozialistischen Bewegungen den Kampf um eigene Frequenzen aufnehmen und in absehbarer Zeit eigene Sender und Relais-Stationen aufbauen.8 Hier zeigt sich ein Widerspruch den später Baudrillard zu Recht kritisieren wird.

Zusammenfassend unterscheidet Enzensberger einen repressiven Mediengebrauch, in dem es einen Sender und viele Empfänger gibt und einen emanzipatorischen Mediengebrauch, in dem jeder Empfänger ein potenzieller Sender ist. Das repressive Mediensystem, welches das System der Massenmedien beschreibt, wird charakterisiert durch ein zentral gesteuertes Programm, die Immobilisierung isolierter Individuen, die passive Haltung der Konsumenten, einen Entpolitisierungsprozess, die Produktion von Inhalten durch Spezialisten und die Kontrolle der Medien durch Eigentümer oder durch Bürokraten. Die von ihm favorisierten neuen Medien des emanzipatorischen Mediensystems, sehen dezentralisierte Programme genauso vor, wie die Mobilisierung der Massen, die Interaktion der Teilnehmer (feedback), einen politischen Lernprozess, eine kollektive Produktion und die gesellschaftliche Kontrolle durch Selbstorganisation.9

Jean Baudrillard greift die Theorien von Brecht und Enzensberger 19972 in dem Essay »Requiem für die Medien« auf, um mit den »marxistischen bzw. spätmarxistischen Ansatz«10 der Vorredner zu brechen und seine eigene kritische Sicht der Massenmedien darzulegen. Wollen Brecht und Enzensberger die Befreiung der Massenmedien durch eine sozialistische Revolution erreichen, so ist er davon überzeugt, dass eine strukturelle Veränderung nicht durch Massenmedien ermöglicht werde, da sie einen Tauschprozess verunmöglichen würden. Er schreibt dazu:

»Deshalb besteht die einzig mögliche Revolution in diesem Bereich … in der Wiederherstellung dieser Möglichkeit der Antwort. Diese einfache Möglichkeit setzt die Umwälzung der gesamten gegenwärtigen Medienstruktur voraus. … Jeglicher Versuch, die Inhalte zu demokratisieren, sie zu unterwandern, die ›Transparenz des Codes‹ wiederherzustellen, den Informationsprozeß zu kontrollieren, eine Umkehrbarkeit der Kreisläufe zu erreichen, oder die Macht über die Medien zu erobern, ist hoffnungslos – wenn nicht das Monopol der Rede gebrochen wird, und zwar nicht, um jedem Einzelnen das Wort zu erteilen, sondern damit die Rede ausgetauscht, gegeben und zurückgegeben werden kann.«11

Für ihn ist die Struktur der Massenmedien nicht für einen gesellschaftlichen Diskurs geeignet. So schreibt Baudrillard:

»Das Fernsehen ist die Gewissheit, daß die Leute nicht mehr miteinander reden, daß sie angesichts einer Rede ohne Antwort entgültig isoliert sind.«12

Er führt weiterhin an, dass es so scheine, als wolle Enzensberger das System der Massenmedien nicht in Frage stellen, sondern jeden zum Manipulator machen. Dass jeder vom Status des Empfängers übergehe in den Status des Produzenten/Senders, ist für ihn wie für Enzensberger keine Lösung, da dies nur personalisierten Dilettantismus zur Folge habe. So interpretiert Baudrillard: »Offensichtlich ist es nicht das, was Enzensberger will. Er denkt vielmehr an eine von ihren eigenen Lesern redigierte, verteilte und hergestellte Presse (…), an Videonetze zum Gebrauch politischer Gruppen usw.« Die Beispiele Enzensbergers für die neuen Medien findet Baudrillard interessant, weil sie das Modell von Sender und Empfänger hinter sich lassen. »Man findet in ihnen wirklich einen Prozeß unmittelbarer, nicht durch bürokratische Modelle gefilterter Kommunikation wieder, eine Form orginalen Austauschs, denn tatsächlich gibt es hier keine Sender und Empfänger mehr, sondern Leute, die sich antworten. Über das Problem der Spontaneität und der Organisation wird hier nicht dialektisch hinausgegangen, es wird durch die Termini, in denen es gestellt wird, überschritten13 Als Beispiel für diese »Überschreitung« nennt Baudrillard »die Ver-wendung der Werbung durch die Grafiti nach dem Mai ’68. Sie war eine Überschreitung, nicht weil sie einen anderen Inhalt, einen anderen Diskurs einsetzte, sondern weil sie Antwort gab, dort, an Ort und Stelle, und die Grundregel der Nicht-Antwort aller Medien brach. Hat sie einen Code einem anderen entgegengesetzt? Ich denke nicht: sie hat ganz einfach mit dem Code gebrochen. Sie ließ sich nicht als mit dem Diskurs der Werbung konkurrierender Text dechiffrieren, sondern wurde als Überschreitung sichtbar.«14

Auch für die weitere Argumentation dieser Arbeit sind die Beispiele Enzensbergers von Interesse, denn Enzensbergers Beschreibung des emanzipatorischen Mediengebrauchs enthält viele Parallelen zur Struktur des Internets, dessen Zugang für die Entwicklung von partizipativen Medien grundsätzliche Voraussetzung zu sein scheint. Seine Beschreibung der neuen Medien, die emanzipatorisch zu nutzen sind, zeigt, dass die Idee eines dezentralen, egalitären Raums schon vor der Entstehung des heute allgemein bekannten Internets existierte.

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  1. Vgl. Horkheimer, Adorno 2006: S. 128 ff., Vgl. Neitzel 2004: S. 198 f. []
  2. Vgl. Adorno 2004: S. 208 []
  3. Adorno 2004: S. 208 []
  4. Brecht 2004: S. 260 f. []
  5. Brecht 2004: S. 263 []
  6. Vgl. Brecht 2004: S. 263, Vgl. Horkheimer, Adorno 2006: S. 128 ff. []
  7. Vgl. Enzensberger 2004: S. 265 []
  8. Vgl. Enzensberger 2004: S. 272 ff. []
  9. Vgl. Enzensberger 2004: S. 278 []
  10. Fahle 2004: S. 255 []
  11. Baudrillard 2004: S. 284 f. []
  12. Baudrillard 2004: S. 286 []
  13. Baudrillard 2004: S. 295f. []
  14. Baudrillard 2004: S. 296f. []

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