Fragebogen: Martin Schneider von Café Babel

Jana Burmeister: Wie würden Sie das Profil ihres Projektes erläutern?

Martin Schneider: Cafebabel.com ist ein Europäisches Magazin, das über Europa auf Europäisch berichtet. „Auf Europäisch“ heisst in diesem Fall, dass wir sämtliche Artikel in sieben Sprachen veröffentlichen. Damit ist den Lesern der Inhalt des Magazins in Ihrer Muttersprache zugänglich. Alle Artikel werden von jungen Leuten aus ganz Europa geschrieben – jeder kann sich in seiner Muttersprache zu Europa äussern. Dies ist die bürgerjournalistische Seite von cafebabel.com.

JB: Findet in Ihrem Projekt ein Austausch zwischen Autoren und Redakteuren statt, in Bezug auf redaktionelle Arbeitsabläufe (Redigieren, Themenvorschläge, Aufgabenverteilung)?

MS: Es findet ein reger Austausch von Autoren und Redakteuren statt. Die Redakteure schlagen einmal pro Monat Themen vor, die Autoren können sich dann eines der Themen aussuchen. Es ist auch möglich, dass Autoren aus Eigeninitiative Themen vorschlagen. Der Redakteur gibt dem Autor dann eine Deadline. Nach Erhalt des Artikels redigiert der Redakteur den Text und schickt ihn an den Autor zurück, der die Änderungen absegnet. Uns ist wichtig, dass die Autoren mit den Änderungen einverstanden sind. Oft schicken wir den Text auch an den Autor zurück, wenn wichtige Informationen fehlen oder journalistische Grundregeln verletzt sind.

JB: Wieviel Zeit wenden Nutzer des Projektes Ihrer Meinung nach für die Recherche ihrer Themen und die Qualitätssicherung auf?

MS: Leider zu wenig Zeit. Sie greifen zu selten zum Telefonhörer, um Leute anzurufen. Oft begnügen sie sich mit Recherchen im Internet, meist aus fragwürdigen Quellen (Wikipedia). Es findet sehr wenig grundlegende Recherche statt, die Artikel, die uns von den Bürgerjournalisten eingesandt werden, sind oft mangelhaft. Aufgabe des Redakteurs ist hier, für ein Minimum an Qualität zu sorgen, was oft eine schwierige und zähe Aufgabe ist.

JB: Wie wird die inhaltliche Richtigkeit der Beiträge garantiert und Sabotage verhindert?

MS: Der Redakteur überprüft die im Artikel genannten Fakten und setzt sich mit dem Autor in Verbindung, wenn er den Eindruck hat, dass nicht gründlich recherchiert wurde. Den Begriff „Sabotage“ verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht. Sollte „Plagiat“ gemeint sein, so sind uns bereits einige Fälle untergekommen. Oft haben Autoren ganze Passagen einfach aus dem Internet kopiert. Wir machen bei Artikeln, die richtig schlecht sind, oft Stichproben, indem wir Passagen in Google eingeben.

JB: Welche Themen werden in Ihrem Projekt vordergründig behandelt, welche sind selten vertreten?

MS: Wir behandeln die ganze Bandbreite an Themen: Kultur, Politik, Welt, Wirtschaft, Gesellschaft, etc. Es gibt in diesem Sinne keine Richtlinie. Aber: Jeder Artikel sollte eine europäische Perspektive haben.

JB: Welche Rolle spielt die Community und die darin stattfindende Informations- und Meinungsaustausch für Ihr Projekt?

MS: Wir werden in der Mitte des Jahres eine Community starten. Diese richtet sich nach typischen Sites des Web 2.0: Die Leser können sich ein Blog einrichten und sich mit anderen austauschen. Wir werden Blogs einrichten, die in mehreren Sprachen geschrieben werden können. Die Community ist für uns ein wichtiges Projekt, weil Sie die Grundidee von cafebabel.com verwirklicht: Über den Austausch von Europäern eine Europäische Öffentlichkeit herzustellen.

JB: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe, die Internet-Nutzer zum Erstellen von Inhalten motivieren?

MS: Die meisten Leute, die uns kontaktieren, wollen journalistische Erfahrung sammeln und sehen cafebabel.com als eine Möglichkeit, Ihre Artikel zu veröffentlichen. Die Hürden sind bei uns niedriger, es ist einfacher auf cafebabel.com einen Text zu veröffentlichen als in der FAZ. Andere wiederum sind Hobby-Schreiber die in anderen Berufen arbeiten aber hin und wieder einen Text schreiben wollen.

JB: Wie gestaltet sich die Finanzierung Ihres Projektes?

MS: Cafebabel.com finanziert sich aus privaten und öffentlichen Stiftungsgeldern. Dazu zählen die Bosch-Stiftung, die Europäische Kommission, das franz. Aussenministerium und viele andere. Werbung ist nur ein kleiner Teil des Budgets.

JB: Welche Rechte haben Bürgerjournalisten an den erstellten Inhalten?

Die Bürgerjournalisten behalten das Urheberrecht an den Inhalten.

JB: Wie wird sich Partizipativer Journalismus in Zukunft Ihrer Meinung nach entwickeln?

MS: Ich glaube nicht, dass der Bürgerjournalismus den professionellen Journalismus ersetzen kann (oder sollte!) Es kann eine zusätzlich Informationsquelle bieten, oft können durch den Bürgerjournalismus Themen angesprochen werden, die in „klassischen“ Medien nicht angesprochen werden.
Es handelt sich aber keineswegs um einen Ersatz für die Arbeit professioneller Journalisten, weil meiner Erfahrung nach die Qualität des Bürgerjournalismus deutlich geringer ist.
Aber vorsicht: Meines Erachtens ist cafebabel.com kein bürgerjournalistisches Projekt wie etwa „Agoravox“ oder „OhmyNews“. Auf diesen Seiten werden Artikel sehr schnell eingesandt und einfach die besten Texte ausgewählt. Man kann dadurch sehr schnell auf aktuelle Ereignisse reagieren. Und gerade das macht meiner Meinung nach die Stärke solcher Seiten aus. Man kann sehr schnell Informationen von Leuten ins Netz stellen, die gerade zufällig vor Ort waren.
Bei cafebabel.com ist die Lage eine andere. Das liegt ganz einfach daran, dass bei uns alles in sechs Sprachen übersetzt wird. Wir können unmöglich Artikel spontan veröffentlichen, sondern versuchen im Grunde genommen ein „klassisches“ Magazin mit Bürgerjournalisten zu machen. Ich denke, dass wir viel mehr an den Artikeln unserer Autoren ändern, weil wir eher einen Magazincharakter haben als z.B. „Agoravox“. Wir sind eigentlich nur ein halbbürgerjournalistisches Projekt. Unsere grösste Stärke, die Mehrsprachgikeit und die Internationalität, ist m.E. zugleich die Achillesverse von cafebabel.com.

Quelle: E-Mail Korrespondenz mit Martin Schneider, Redakteur der deutschen Ausgabe cafebabel.com (jetzt cafebabel.de),2007

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